Texte und Metaphysik

Donnerstag, 9. Juni 2005

Grenzen der Sprache

„Wittgensteins Denken kreist um die Frage: Welcher Art sind die Grundlagen des empirischen Erkennens? [...]
Wir haben nur das Bild der Wirklichkeit, das die Sprache uns vermittelt. [...]
Die Grenze der Sprache schließt alle empirisch möglichen Sätze ein.
Daraus folgt, dass sich über etwas jenseits dieser Grenze,
wie es alle metaphysischen Theorien versuchen, sinnvoll nichts sagen lässt.
[...]

Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit,
das Denken ein Abbilden.

Die Möglichkeit der Struktur des Bildes ist seine Form.

Diese begreift in sich zugleich die Möglichkeit,
dass sich die existierenden Dinge so zueinander verhalten wie
die Elemente des Bildes zueinander.

Das heißt, die Form der Abbildung ist Bild und Abgebildetem gemeinsam.
Sie ist die logische Form.

Bild und Abgebildetem ist die logische Gesetzlichkeit,
der ‚logische Bau’ gemeinsam. So wie die Satzelemente zu einem Satz
geordnet sind, sind die Dinge zu einem Sachverhalt geordnet.

Denn die Struktur des Satzes ist die Widerspiegelung der Struktur
der Wirklichkeit, auf die der Satz sich bezieht.
[...]
Wenn diese Analyse die Struktur des empirischen Sprechens offen legt,
enthüllt sie zugleich die Struktur der Wirklichkeit,
auf die sich das Sprechen bezieht.

Denken und Sprechen ist Abbilden der Wirklichkeit vermittels
der gemeinsamen logischen Form.
Die logische Gesetzlichkeit ist eine Ordnung a priori, eine vorgegebene,
vom Menschen vorgefundene Ordnung. Die zeigt sich in der Struktur
empirischer Sätze, kann aber, als ein Apriorisches, selbst nicht in solchen Sätzen
ausgedrückt werden. ‚Es gibt Unaussprechliches [...] Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.’“
(Friedlein: Wittgenstein, S. 264 f.)


Bild: Philosophielexikon, Rowohlt


Gedanke a)

Strukturverwandtschaft:
Das Abgebildete (Wirklichkeit) hat eine bestimmte Struktur.
Das Abbilden (Denken) hat eine bestimmte Struktur.
Das Bild (Satz) der Wirklichkeit hat eine bestimmte Struktur.

Wirklichkeit – Denken – Sprechen.
Wird Wirklichkeit gedacht und das Gedachte gesprochen,
so lässt sich in allen Bereichen die selbe Form erkennen.

Was aber sagt dies über das Wesen der Sprache aus?
Es wird ja hier nach der Struktur der Wirklichkeit gefragt.
Dann ist die Struktur (Ordnung) das, was das Wesen der Sprache ausmacht?

In Bezug auf die Frage, was ist das Sein des Seienden? hieße es:
Seiendes hat eine bestimmte Struktur. Wenn diese aufgezeigt werden kann,
dann verweist dieses Aufgezeigte zurück auf das Zugrunde liegende,
nämlich auf das Werden als Werden von dichtendem Nichts zum Sein.


Gedanke b)

Im Kunstwerk erscheint das Wahre durch das Verbergen.
Die Struktur der Sprache spiegelt die Struktur der Wirklichkeit wider.
Betrachten wir Sprache als Kunstwerk, wird es dann möglich,
das Wahre der Wirklichkeit zu entbergen?

Mittwoch, 8. Juni 2005

Achtung, Schule! Augen zu!

Die innere Stimme und die inneren Augen müssen sich vor dem verschließen, was ihnen nicht bekommt. Meist verschließen sie sich kurz nach Schuleintritt.

Die inneren Sinne mögen kein „richtig und falsch“, denn sie können nur wahr-nehmen. Die Intuition ist auf diese Sinne angewiesen, doch die Intuition wird in der Schule nicht begeistert empfangen. Die Schule ist eine Institution und die kann mit der Intuition nicht viel anfangen. Wenn die inneren Augen mit Modellen konfrontiert werden, dann erscheint alsbald alles nebelig, weil sie nur ganzheitlich wahrnehmen können und mit Modellen („künstlicher Wirklichkeit“) nicht umgehen können.
Da die meisten Lehrer auch unter diesem „Verschluss“ leiden, können sie den Kindern nicht helfen (außer, sie würden sie in Ruhe lassen!)

augen zu 8.6.

Das Sehen wird geübt, doch das Schauen wird vernachlässigt. Schauen braucht Raum und Zeit, letztere ist in der Schule künstlich getaktet. Die Schuluhr richtet sich nicht nach der inneren Uhr. Das Spielen als natürlicher Vorgang (auch des Gehirns) wird abgelöst durch den ‚Ernst des Lebens’. (Bleibt die Frage: „Wer eigentlich ist Ernst?“) Aber den werden die Kinder bald kennen lernen. Die inneren Sinne sind mit der Fähigkeit zu schauen auch in einer gewissen Weise religiös. Dadurch ist es am leichtesten möglich, ihnen den Garaus zu machen, indem man die Kinder mit Religionsunterricht in diesen Dingen belehrt.
„Der weise Mensch begegnet der Wahrheit, indem sich ihm das Sein selbst eröffnet und er das Wesentliche schaut.“
W. F. Schmid: Begriffskalender auf www.wolfgang-schmid.de v. 14.1.05


Regeln, um die inneren Sinne möglichst effizient zu verschließen:
- Zwischen richtig und falsch unterscheiden
- Inhalte einzeln vermitteln, dass sie für sich keinen Sinn ergeben und zusammenhangslos erscheinen
- Für alle das gleiche Tempo vorgeben
...
Ich bitte hier, per Kommentar, um Vervollständigung! :-)

Sonntag, 5. Juni 2005

"HAUSaufGABE" Vorlesung Philosophie

Zeitdruck
.Hoffnung
..Aushalten
...Unbedingtes
....Sein
.....Frieden
......Fragen
.......Helfen
........Dasein-da sein
.........Liebe
..........Zigaretten
...........Tod
............Überleben
.............Kritik
..............Freiheit
...............Gebrochen
................Treibgut
.................Kämpfen
..................Schreiben.
Für Wittgenstein bedeuten die Grenzen der Sprache die Grenzen der Welt: Was man nicht sprechen kann, ist nicht. (<- Klick)

Samstag, 4. Juni 2005

Wenn das Brechen zer

.

Zerbrochen sind wir. An uns und in uns durch das Trennen. Wer Ordnung schafft, trennt sich vom Chaos, auch wenn dieses, ja permanent auch im Werden begriffen, immer nachrückt.
Geordnete Gedanken hausen am liebsten in Modellen. Ein Modell ist eine Einrichtung, die uns zeigt, wie etwas unter bestimmten Bedingungen funktioniert. So konnten viele Maschinen entstehen aber eben auch unser Weltbild, nein, inzwischen auch unsere Welt. Denn wahrscheinlich gibt es gar nicht so etwas wie ein „Weltbild“ – außer eben nur wieder als Modell: Ein Weltbild ist ein „Bild von Welt“, also nicht das Wahre, Wahrhaftige, Wahrheit, sondern nur der Abschatten davon. Wer in Weltbildern Welt erlebt, sieht durch die Schattenbrille nur Gefärbtes, nur von sich Getrenntes Einzelnes.

„Was das Seiende sei, ist im Zeitalter der Technik überhaupt keine Frage mehr; denn das Seiende ist jetzt das in seiner Wirksamkeit berechenbare Wirkliche, es ist seiend als das dem Wirken anbefohlene Wirksame. Die Frage, was das Seiende sei, erübrigt sich, und wenn sie noch gestellt wird, erzeugt sie nur Unsicherheit und Verwirrung. Dennoch wird für den Menschen ein Bild vom Ganzen des Seienden gefordert. Aber dieses Bild ist die Metaphysik nicht in ihrem Wesen, nicht als Entfaltung der Frage: Was ist das Seiende? Sondern die aus ihrem Wesen verdrängte Metaphysik, die Metaphysik in ihrem Unwesen. Die Willensherrschaft fordert von der Metaphysik sich in ihr Unwesen zu begeben und sich darin zu befestigen. Was sich uns hier als Metaphysik in ihrem Unwesen darstellt, ist uns unter dem Namen ‚W e l t a n s c h a u u n g’ bekannt. Die Weltanschauung ist die in ihr eigenes Unwesen verkehrte Metaphysik.“ Volkmann-Schluck, 74

Beispiele für das planmäßiges Zerbrechen in Teile aufgrund von „modellierenden Bildern“: (1) „[Ziel ist; Anm.] Lernen als Teil des Lebens zu begreifen.“
(2) „Wenn sich Schülerinnen und Schüler mit dem christlichen Bild der Welt und des Menschen auseinandersetzen, dann soll es ihnen helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen.“
Natürlich können wir das hier wohl Gemeinte irgendwie entschlüsseln und ihm irgendeinen Sinn zuschreiben. Hinweisen möchte ich damit aber auf die hier offensichtlich fest- und vorgeschriebene Teilung, (1.) denn: Lernen ist ja Leben!, nicht nur ein Teil davon. Lernen wir nicht mehr, sterben wir (zumindest schneller). Was das Beispiel (2) meint, ist schon nicht mehr so leicht zu verstehen, da hier viele Aussagen in einen Satz gebracht werden, ohne dass die Relationen genauer bestimmt werden.
„Das christliche Bild der Welt.“ Gibt es das? Wenn Schüler sich mit diesem Abschatten (Ergebnisse der Welt-Bilder) auseinandersetzen, dann soll dies ihnen helfen, sich selber besser zu verstehen? Die Botschaft lautet also: Setze dich mit einem Abschatten, Abbild, Modell von etwas auseinander und du wirst dich selbst verstehen! Das klingt doch sehr nach planmäßiger Entfremdung! Dies sind nur zwei spontan gewählte Beispiele, sicherlich sind unzählige dort zu finden, wo es um planmäßige Erziehung und Bildung geht. (Die Beispiele sind entnommen aus dem aktuellen Lehrplan Sek. 1, Religion, Konzept der Grundbildung: S. 4. u. 15)

Noch mehr Beispiele:
Zerbrochenes I
up 10025

Zerbrochenes II:
up 20026

Zerbrochenes III:
up 30028

Wenn etwas bricht, dann bedeutet dies, dass etwas vorher Ganzes dann in Teilen daliegt. Wenn etwas zer-bricht, so ist dies noch etwas stärkeres, da das Brechen an sich zugleich noch mal zer-bricht.
Das Brechen zerbricht.
Es ist nicht nur ein Bruch, der Teile hinterlässt, mit einem Spalt dazwischen, sondern alles Gebrochene ist zugleich zerrissen, so dass nicht auszumachen ist, wo das Trennende sich befindet. Das Zer-brochene in und an uns, welches das Trennende nicht mehr ausmachen lässt, hat zur Folge, dass wir die Orientierung verloren haben. Zerbrochen können wir nicht mehr die Ganzheit sehen, welche unser Sein bestimmt. Nur noch durch Modelle und Weltanschauungen können wir dann Ausschnitte wahrnehmen. An diese klammern wir uns umso fester, je zer-brochener wir sind.

„Die Philosophie widerspricht entschieden der üblichen Vorstellung, wonach sie von den Einzelbezirken zum Ganzen fortschreite, gleichsam als der krönende Abschluss und Zusammenschluss wissenschaftlicher Einzelforschung zur Einheit eines sogenannten Weltbildes. Die Philosophie hat sich vielmehr bei ihrem ersten Schritt schon dem Ganzen als dem Seienden zugewendet, und aus dem Ganzen artikulieren sich auch erst die Hauptbezirke des Ganzen.“ (Volkmann-Schluck: Einführung in das philosophische Denken, S.27)


„’Sein’ kann nicht so zur Bestimmtheit kommen, dass ihm Seiendes zugesprochen wird. Das Sein ist definitorisch aus höheren Begriffen nicht abzuleiten und durch niedere nicht darzustellen. Aber folgt hieraus, dass „Sein“ kein Problem mehr bieten kann? Mitnichten; gefolgert kann nur werden: ‚Sein’ ist nicht so etwas wie Seiendes. Daher ist die in gewissen Grenzen berechtigte Bestimmungsart von Seiendem – die ‚Definition’ der traditionellen Logik, die selbst ihre Fundamente in der antiken Ontologie hat auf das Sein nicht anwendbar.“ (Heidegger: Sein und Zeit, S. 4)

Freitag, 3. Juni 2005

Weg des dichtenden Bindens

Durch Denken und Sprache verdichtet sich Nichts zum Sein; bzw. durch Denken und Sprache: „sei Nichts!“
Wenn Nichts wird, dann kann es nur Sein werden, bzw. sein. Wenn Sein wird, bzw. ist, dann erscheint es als Seiendes.

legende3.6.

(Etwas) größeres Bild: versuch einer legende3.6 (doc, 68 KB)

Verhältnisse zwischen Nichts, Sein und Seiendem können nur erfasst werden, wenn sie selbst und gleichzeitig das Denken, mit dem sie gedacht werden, gedacht werden. Dieses Denken kann sich als dichtendes Binden vollziehen.
Durch das dichtende Binden entsteht der Gedanke „Entstehen durch dichtendes Binden“.
Dieser Gedanke ist ein aus dem Werdenden gewordener.
Das diesen Gedanken bestimmende Werdende ist ein Moment des Werdens, welches alles umfasst.
Das Werden bestimmt auch die Zeit, die Zeit jedoch bestimmt das Werdende und Gewordene. Im Werden sind Entstehen und Vergehen in eins erfasst.
Wir erleben und erfassen meist nur einen Ausschnitt (und damit auch Augenblick) des Ganzen, durch ganzheitliches Wahrnehmen wird uns das Ganze und Gründende gewahr.

Mittwoch, 1. Juni 2005

Das Einzelne im Fluss des Werdens

(Reflexion auf die Vorlesung am 31.5. von Wolfgang Schmid)

„Jede Erkenntnis ist ein Produkt von zweierlei Faktoren, von empirischen und rationalen.
Gäbe es keine Außenwelt und keine Erfahrung, so wäre Erkenntnis so wenig möglich wie ohne eine bestimmte Vernunftausstattung des erkennenden Subjekts“ Friedlein: Kant, in: Geschichte der Philosophie Berlin 1992, 225

Theorie ist das Sehen von Möglichkeiten, die verwirklicht werden können. Theorie ist beispielsweise in Bezug auf die Pädagogik die geistige Vorwegnahme dessen, was durchgeführt (Praxis) werden soll. War bei Platon noch Theorie und Praxis in eins (ganzheitlich) gedacht, so wird dies von Aristoteles aufgrund fehlender Beweise abgelehnt. Er trennt zwischen beiden:

Theoretische Wissenschaften untersuchen ‚das, was nicht anders sein kann’, und fragen schlicht nach der Wahrheit. [Physik: Gegenstände mit eigenständiger Existenz und der Tendenz zur Veränderung, Mathematik: unveränderlich, aber ohne selbstständige Existenz, Metaphysik: selbstständig Existierendes, zugleich unveränderlich; Anm.]
Die praktischen Wissenschaften beschäftigen sich mit dem, ‚was anders sein kann’. Sie zielen letztlich darauf ab, Anleitungen zum Handeln zu geben [Ethik, Politik; Anm.].“ (Philosophie Lexikon. Hrsg.: Anton Hügli, Poul Lübcke: Aristoteles, Rowohlt, Hamburg 1991, S.53)

Das Trennen von Theorie und Praxis führt zu einem Spalt, der wieder überbrückt werden muss. Dieser Spalt, der sich auch zu leicht in Gestalt einer Schlucht zeigen kann, ist nicht nur ein äußerer, sondern wird auch, durch den ständigen Zwang zum Überqueren, mit der Zeit ein innerer. Der Mensch ist gezwungen aus der Ganzheitlichkeit des Lebens herauszutreten und das Leben anhand von Modellen zu verstehen. Aristoteles „betrachtet nicht mehr das Werden als Ursache und Grund allen Seins [...damit] löst sich die Philosophie von den eingegangenen Verbindlichkeiten mit der Natur und begründet ihren Gegenstandsbereich unabhängig von allem Werden“ (W. F. Schmid: Begriffskalender auf www.wolfgang-schmid.de, 30.Mai 05)

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„Bezeichnend für dieses Werk [„Physik“; Anm.] ist, dass es im Gegensatz zur vorsokratischen Naturphilosophie nicht die Natur in ihrer Ganzheit zu erklären sucht; statt dessen will es eine Theorie der veränderlichen Einzeldinge entwickeln. Die Vorstellung von Natur als allumfassender Zusammenhang [...] in der die Dinge nur Momente sind, ist von Grund auf unaristotelisch. Wenn A. über Veränderung spricht, denkt er deshalb weder an kosmische Bewegung noch an ein anderes abstraktes Werden ‚an sich selbst’, sondern an etwas Konkretes, das zu diesem oder jenem wird.“ (Philosophie Lexikon: ebd.)

Aristoteles entwickelte eine Wissenschaft (bzw. die Einzelwissenschaften), innerhalb derer alles geordnet durch Systeme und Strukturen formelhaft dargestellt werden kann.

Durch das Betrachen einer einzelnen Wahrnehmung (z.B. eines Schülers), indem er auf einzelne wichtige Merkmale reduziert wird, können dann durch Beobachtung dieser Zusammenhänge festgestellt werden; dann kann ein Begriff vom Schüler formuliert werden, nachdem ein Experiment diese Zusammenhänge bewiesen hat.

Um ein Kind ihm selbst gemäß fordern und fördern zu können, dazu helfen aber keine Schablonen oder Ausschnitte. Nur das ganzheitlich-intuitive Erfassen seiner Möglichkeiten, welches durch „Schauen“ erreicht wird, hilft die richtige (praktische) Umsetzung zu wählen.

Zitat zu Aristoteles

(... zur Vorlesung von Wolfgang Schmid am 31.5.)

„Der eigentliche Anlaß zum Widerspruch gegen Platon war für Aristoteles die Platonische Ideenlehre. Er betrachtete sie als eine durchaus willkürliche Konzeption, zu der weder die Tatsachen der Erfahrung noch das über diese hinausgeführte Denken Veranlassung haben. So wenig wie die Idee selbst Gegenstand der Erkenntnis werden kann, so Aristoteles, kann sie als selbstständiges Objekt angesehen werden. Insbesondere wird durch sie keine genügende Erklärung für die sich unseren Sinnen darstellende objektive Außenwelt gegeben. Wenn ferner die Erkenntnis der Begriffe immer an die Erkenntnis stofflicher Gegenstände gebunden ist, so muss auch in der Wirklichkeit das dem Begriff entsprechende Objekt mit der Existenz des Gegenstandes zusammenhängen. Die Ideen dürfen daher nicht als außerhalb der Dinge existierend gedacht, sondern müssen in den Dingen selbst angenommen werde; ohne sie würde es gar keine Dinge geben. Sie sind dasjenige, was die Dinge erst in Erscheinung ruft, was ihnen die Form gibt. Die Ideen führen ferner kein ruhendes Dasein in einem Jenseits, sondern sind in dieser Welt tätige Kräfte, formende Prinzipien. Aristoteles ersetzt daher den Ausdruck Idee durch den Begriff ‚Form’[...].
Die Form eines Dinges ist nicht bloß seine äußere Gestalt, sondern sie ist der allgemeine Begriff der Gattung, zu welcher das betr. Dinge gehört. Daher kann man von jedem Einzelding aus zum Begriff einer Gattung gelangen. Dieser Gattungsbegriff ist nicht wirkungslos, sondern er ist die jedem einzelnen Ding immanente, es treibende, den Stoff bewegende Kraft durch welche seine äußere Gestalt erzeugt wurde. Die Form ist daher auch die Ursache des Körpers. Aber noch mehr: Mit der äußeren Gestalt eines Dinges ist zugleich die Art seiner Verrichtung, d.h. seine Bestimmung und damit sein Zweck gegeben. Der Zweck eines Dinges macht erst sein eigentliches Wesen oder seine innere, geistige Form aus, so dass hier der Begriff Form insbesondere in dem Sinne von Zweck gebraucht wird.
Diese Bedeutung des Begriffes Form ist seine höchste. Denn als Zweck ist die Form das ursprünglichste, treibende Prinzip. Sich selbst (den Zweck des Dings) zu verwirklichen, wurde die Form zur bewegenden Ursache, durch welche die Gestalt hervorgebracht wurde. Unsere Erkenntnis der Dinge beschreibt demnach den entgegengesetzten Weg wie die eigene Entwicklung der Dinge. Denn die äußere Gestalt ist für unsere Erkenntnis das erste. Von hier aus gelangen wir zur Einsicht in die Ursache, und daraus wird uns zuletzt der Zweck bewusst.“ Friedlein: Geschichte der Philosophie, Berlin 1992, S. 57

Samstag, 28. Mai 2005

Denken als Brücke vom Nichts zum Seienden II: Schöpfung aus sich heraus

Alles, was erscheint, ist auf bestimmte Weise geordnet. Jeden Moment wird neu geordnet. Die Möglichkeiten etwas neu zu ordnen, werden mit der Zeit eingeschränkt. Manchmal wird auch nur ‚umgeräumt’, in manchen Fällen Altes nur frisch angestrichen (hier ist zu empfehlen, noch etwas Deckfarbe hinzuzufügen, dann sieht man die Flecken nachher nicht so durchscheinen!).

Manchmal bedarf es eines Momentes völliger Unordnung, damit sich anschließend Dinge wieder neu ordnen können. Solche Momente werden auch als Umbrüche oder Sprünge bezeichnet. Manchmal sind Umordnungen, welche sich in kleinen Schritten vollziehen, schwieriger zu vollziehen als ein Umbruch. Die kleinen Schritte sind auf die bestehenden Strukturen angewiesen und können sich nur innerhalb ihrer bewegen.

Struktur ist der innere Aufbau einer Ordnung, es ist die Anordnung von etwas.

Beispiel: Vieles einzelne ist ungeordnet, steht in keiner Beziehung zueinander.
(Warum ist dies schwer bildlich darzustellen? Weil durch den Versuch der ‚unordentlichen’ Darstellung jeweils ja doch schon eine bestimmte Anordnung der Elemente geschaffen wird.)

1

(= Grundlage für alle folgenden Bilder!!)

Das Nachvollziehen können wird erleichtert, wenn man das Dargestellte abstrahierend auf sein eigenes Leben überträgt. Welcher Darstellung würde dein Leben entsprechen? Würdest du gerne „tauschen“?

2

Mit der Zeit werden Strukturen verfestigt. Das betrifft nicht nur unsere neuronalen Strukturen, sondern infolge dessen auch unser Verhalten und Handeln, Erleben und Fühlen, wenn nichts „Neues“ mehr hinzukommt. Dem Reduzieren von Möglichkeiten kann man nur (!) etwas entgegenhalten, wenn man Neues hervorbringt, also selbst in irgendeiner Form schöpferisch tätig ist.

3

In manchen Berufen ist dies aufgrund der Notwendigkeit von Routinen nicht leicht. Der Lehrerberuf birgt die Gefahr, dass sich, aufgrund des immer gleichen Stoffes (und der angeborenen Bequemlichkeit des Menschen), Routinen einschleichen. Diesen Wiederholungen kann man nur ausweichen, indem man sich immer wieder neue Wege sucht und sich das Anwenden des Alten verbietet.

4

Vorträge, Theaterbesuche, Konzerte oder Ausstellungen wirken dann „erfolgreich“, wenn sie an unseren Strukturen „rütteln“ und uns selbst in irgendeiner Art und Weise (unabhängig vom Inhalt des Inputs) anregen, selbst tätig zu werden. Schaffen das diese Inputs nicht, so verbleiben sie im Außen und werden durch uns Untätige zu Äußerlichkeiten degradiert.


6

Die Struktur, also die innere Ordnung bestimmt auch, ob wir Menschen sympathisch finden oder wenig von ihnen erwarten. Alle schöpferischen Produkte eines Menschen weisen die gleiche Struktur auf. So zeigt zum Beispiel ein Text als Produkt eines Autors die gleiche Struktur auf, die den Autor bestimmt. Das ist ja das faszinierende an der Kunst: Dass wir einen Künstler an seinen Werken oftmals wiedererkennen können.

5

Die Struktur der geschaffenen Dinge sagt etwas aus über die Möglichkeiten, die zur Gestaltung von etwas zur Verfügung standen. Deshalb rückverweist die Struktur in den Bereich des Nichts, aus dem das Werdende durch das Schaffen kommt.

Dienstag, 24. Mai 2005

Denken als Brücke vom Nichts zum Seienden I

Versuch, das Sein als Werden zu denken, ohne es zugleich nur als Sein des Seienden zu denken, insofern dieses ist.

Ist Denken mehr als ein elektro-chemischer, also naturwissenschaftlich begründbarer Prozess (und von einigen Wissenschaftlern auch als deterministischer, vorherbestimmter Prozess betrachtet)? Wenn wir sterben, dann sterben auch unsere Ideen, Gedanken, in Bildern und Gefühlen gespeicherten Erinnerungen. Dann ist nichts mehr.
Doch aus dem Nichts sind einst auch die Ideen zu uns gekommen. Dieser Bereich, in dem Gedanken entstehen, ist der Bereich der unzählbaren Möglichkeiten, die Wirklichkeit werden könnten.

Was sagt uns das in Bezug auf die Frage, ob Denken mehr ist als ein nachprüfbarer Prozess? Das sagt uns nicht nur, dass Neurowissenschaftler, die sich mit den Seinsfragen gar nicht auskennen, auf eine ganz bestimmte Ebene beschränkt bleiben, sondern auch, dass wir durch das Denken eine Beziehung haben zu dem Bereich der Möglichkeiten. Durch das Denken können (!) wir Kontakt haben zu dem Nichts, aus dem Gedanken (lebende Bilder) herkommen können. (Was die Neurowissenschaften untersuchen, wurde vorher auch schon gedacht, sonst ist der Gegenstand gar nicht untersuchbar.)

Je leichter es uns fällt, mit Bildern zu spielen, neue Bilder entstehen zu lassen, desto sicherer können wir uns auf dieser Brücke bewegen und das Nichts schauen.
Was ist das, was die Brücke aus dem Nichts zu dieser Brücke macht? Aus dem Nichts führt nur ein Weg, wenn etwas wird: das Sein. Denn bevor etwas wirklich (seiend) wird, muss es erst mal von dort kommen. Das Sein ist das aus dem Nichts Kommende, welches dann erst seiend sein kann. (Erinnerung: das Wesen des Werdens ist das Sein.)

Kommend verdichtet sich Nichts zu Sein, welches durch weitere Verdichtung zu Seiendem wird, bis sich dieses nicht mehr verdichten kann und wieder löst. Wie kann dies nun geistig geschehen? Das Denken spielt mit den wirklichen Möglichkeiten, die im Bereich des Nichts wohnen und durch Entstehen der Bilder und Worte entstehen Gedanken, die in der Wirklichkeit wohnen.

denkenbrcke24.5

Das Denken als Gründendes dessen, was (kommend) entsteht, wird so als das Sein des Seienden gedacht. Damit wird es nicht als (nur) das Sein bedacht, das Seiendes als Seiendes bestimmt, sondern auch als Sein selbst. Wenn man vom Nichts her hin zum Seienden denkt, vermindert man die Gefahr, dass das Sein nur als das Seiende Bestimmende gedacht wird.

Denken ist die Brücke vom Nichts. Denken ist Sein, weil es werden lässt.


Fortsetzung II: Gedanken zu dem „Denken als Vollbringen, als Wesen des Werdens“

Montag, 23. Mai 2005

Geglückte Daseinsgestaltung – Dichte der Fülle

.
Das Glück verhilft nicht zum geglückten Dasein – nur andersherum!

Werden zulassen bedeutet wachsen. Zugelassenes Werden zeigt sich durch Fülle. Echte Fülle sichtbart sich durch Dichte. Dichte ist eine Qualitätsaussage aufgrund komprimierter Quantität.

Zitat von Georgette Dee: „Nicht Weniger ist mehr, sondern Mehr ist mehr!“
Mehr ist aber nur dann mehr, wenn es sich im Weniger zeigt.

Beispiele:
Was sind viele liebe Worte, wenn sie zu oft gesagt und dadurch scheinheilig sind?
Was sind Versprechen, wenn sie nicht immer ernst genommen werden?
Was bedeuten Einsichten, wenn aufgrund ihrer nicht verändert wird?
Was ist Vertrauen, wenn es Ausnahmen gibt?
Was bedeutet verstanden werden, wenn auch nur ein Zweifel besteht?

Das Streuen der Dinge und die Anzahl der Ausnahmen, welche die Gültigkeit in Frage stellen, sind das, was unserer wahren Daseinsgestaltung schaden.

unwesenstreuen

Das Werden wird in seinem Wirken durch Streuung und Ausnahmen gehindert. Streuung lässt das Werden zerfließen. Ausnahmen unterbrechen den Fluss des Werdens.
Streuen bedeutet Vielem die Aufmerksamkeit schenken, so dass für das Einzelne kaum Raum und Zeit bleibt, ein Blick nur und keine echte Zu-wendung, die Verweilen und Begegnen erlaubt.

Ausnahmen sind Entschuldigungen und Ausreden, die aus unserem Unbewussten das bewusst gesetzt Gültige stören. Die Möglichkeiten an Begründungen sind hier unbegrenzt. Begründungen aber, die Ausnahmen erklären, schaden trotzdem dem Kern und schwächen die Kraft. Das Leben wird durch Ausnahmen zu Stückwerk, welches uns als zerbrochenes Seiendens zurücklässt.

unwesen ausnahmen

Diese Sätze gelten sowohl für das Miteinander als auch für den eigenen Weg, den man nur alleine gehen kann.
Sich selbst gegebene Versprechen, die man bricht, führen zu einem Verlust des Selbst-Vertrauens. (Dies führt meistens noch zu Misstrauen gegenüber anderen. Manchmal haben Menschen das Glück, in schwierigen Zeiten das Misstrauen sich selbst gegenüber durch Vertrauen der anderen zu überbrücken. Im umgekehrten ungünstigsten Fall zeigen sich aber auch gerade in diesen Zeiten die morschen Planken im Brückenholz.)
Versprechen, die, anderen gegeben, gebrochen werden, distanzieren immer, auch wenn die Begründungen (Ausnahme!) trifftig sind.

Das Streuen durch Ablenkung entfernt vom Kern und dem Wesentlichen und führt zu einer Selbstuntreue, die sich als Verlorenheit in der Welt einen vor sich selbst erschrecken lassen kann. Das Streuen gegenüber anderen, „mal hier ein Bisschen, mal dort ein Bisschen“, zeugt von Willkür und nimmt die Verlässlichkeit, da der „Bestreute“ nicht mehr einschätzen kann.

Streuung und Ausnahmen führen vom Wesentlichen weg, hinein ins Unwesentliche, das uns dort mit seinem Unwesen, das es treibt, missstaltet und dort behalten will. Das Unwesentliche existiert überhaupt erst durch das Unwesentreiben. Es ist eine vorzeitige und beschleunigte Art der Verwesung.
Wer sich mit einigen Schritten schon in diesem Abseits befindet, dem hilft es nicht, noch weiter im Außen nach Orientierung zu suchen. Durch Bündelung der Fülle kann eine Dichte erlangt werden, die den Kern stabilisiert und dadurch vor dem Treiben des Unwesens schützt.

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rahelrath - 13. Nov, 22:09
schön
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wfschmid - 13. Nov, 18:09
und mit soviel begeisterung:)
und mit soviel begeisterung:)
Imke-Hinrichsen - 11. Nov, 20:32
:-) Er macht das doch...
:-) Er macht das doch echt gut, irgendwie ist er so...
rahelrath - 11. Nov, 15:59

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